Lehrjahre

Marcel Perincioli  schreibt 1986 in seinen «Aufzeichnungen»:
«Meine Pfadfinderzeit ab 1924 war für mich, dank der guten Führer, von lebensbestimmender Bedeutung, und gerne denke ich an die Abenteuer in den Pfadfinderlagern zurück. 1929 trat ich der Rovergruppe «Teja» bei, welche sich noch heute – 1986! – allwöchentlich zu regem Gedankenaustausch trifft.
Während ich in meiner Schulzeit wegen des italienischen Namens, trotz Schweizerbürgerrecht, oft unter meinen Mitschülem zu leiden hatte, war eine solche Diskriminierung bei den Pfadern unbekannt.

1926 musste mein Vater sein im Grünen gelegenes Atelier des geplanten Loryspitals wegen räumen, und meine Eltern erwarben eine Parzelle am damaligen Egghölzliweg, ganz auf freiem Feld. Ausser dem Lehrerinnenheim standen nur im hinteren Teil der Hiltystrasse einige Häuser. Noch jahrelang konnten wir im Winter auf einem gebahnten Pfad direkt über das freie Feld zum Burgerenziel gelangen. Meine Eltern hatten, bedingt durch die ausbrechende Wirtschaftskrise, grosse Probleme mit dem Hausbau, trifft es doch in solchen Krisenzeiten die freien, künstlerischen Berufe besonders hart.


Marcel vor dem Elternhaus im Egghözli, die Fassade hier noch ohne Reliefschmuck.

Germaine, meine vier Jahre ältere Schwester, mit der ich sehr verbunden war, wirkte durch ihr schönes Gesicht und ihr einnehmendes Wesen wie ein Magnet auf die damaligen Gymnasiasten. Im «Rohr» musste ich einige Schritte Distanz wahren, um ihre Erscheinung nicht zu beeinträchtigen. Noch nicht einmal 20 Jahre alt, heiratete sie den jungen und intelligenten Fürsprecher Fritz Thormann. Leider endete diese glückliche Ehe 1955 tragisch, bei einem für beide tödlich verlaufenen Autounfall bei Nancy.

Nach Schulaustritt entschied ich mich, Bildhauer zu werden. Eine Schnupperlehre im Atelier meines Vaters während der Sommerferien 1926 hatte mich zu diesem Entschluss bewogen. Zwei Jahre jünger als mein Mitlehrling Gustav Piguet, trat ich 1927 bei meinem Vater in die dreieinhalb Jahre dauernde Lehre ein. Die Lehrzeit war für mich eine eher schwierige Zeit, gelang es mir doch nur ganz selten, von meinem Vater ein Lob über meine Arbeit zu hören und für meine weitere Ausbildung an der Gewerbeschule die nötige Zeit tagsüber zu erhalten, so dass ich öfters jeden Abend belegen musste. Trotzdem schloss ich bei der Prüfung im Herbst 1930 mit den besten Noten ab und erhielt den Preis der Städtischen Unterrichtsdirektion von 20 Franken zugesprochen. Bei der Übergabefeier fand mein Vater diesen Erfolg als selbstverständlich und spendete mir einen Fünfliber.

Lohn erhielten die Bildhauerlehrlinge damals keinen. Allerdings gab mir mein Vater Gelegenheit, während der Lehrzeit wochenweise für andere Bildhauer zu arbeiten, zum Beispiel bei der Renovation der Sandsteinplastiken an der damaligen Eidgenössischen Bank am Bubenbergplatz. Für meine Arbeit erhielt ich dort einen Stundenlohn von 2 Franken und mit der Akkordübernahme der Neuausführung des Ornamentes «Laufender Hund» an der Christoffelgasse verdiente ich mir für die damalige Zeit ein kleines Vermögen. Damit setzte ich den Grundstock für die Möglichkeit eines Studiums in Paris, denn Geld war nach dem Bau des elterlichen Hauses und der Krise wegen keines vorhanden.

Nach der bestandenen Lehre machte ich mich zu einer Schweizer Reise auf, um Arbeit zu suchen, aber trotz meiner guten Zeugnisse war nirgends etwas zu finden. In Genf hätte sich eine Arbeitsgelegenheit ergeben, doch erhielt ich keine Aufenthaltsbewilligung. Die Gemeinden wollten das Risiko einer eventuellen Unterstützungspflicht für andere Kantonsbürger nicht eingehen.

Glücklicherweise fand ich dann in Solothurn doch noch einen schönen Auftrag: Für den Bildhauer Walter Peter konnte ich eine grosse Plastik und vier Reliefs für die neue Kantonalbank in Stein ausführen. Im besten Einvernehmen mit dem Auftraggeber beendete ich diese Arbeit noch vor der Rekrutenschule. Da die Zeit zur Ausführung kurz bemessen war und ich mich für deren Beendigung vor der Dienstzeit verpflichtet hatte, musste ich oft bei grosser Kälte – bis minus 10 Grad Celsius – an der ungeheizten Nordfassade arbeiten.


Militär

Meiner damaligen Einstellung gemäss leistete ich meinen Militärdienst bei der Sanität – noch lebten ja Briand und Stresemann. Diese trügerische politische Ruhe und der noch nicht weit zurückliegende Krieg gaben die Hoffnung, dass die Menschheit sich nicht bald wieder in ein so schlimmes Abenteuer würde verstricken lassen. Mit dem Besuch der Gefreitenschule und der Unteroffiziersschule erfüllte ich meine militärischen Pflichten.


Während dieser Kurse trug ich damals, wahrscheinlich als einziger Soldat unserer Armee, einen Bart, was mir allerhand Scherereien einbrachte. Ein Verbot zum Barttragen bestand jedoch nicht, und so rettete ich diesen fragwürdigen Gesichtsschmuck über die verschiedenen militärischen Schulen und Wiederholungskurse ins zivile Leben hinüber. Als ich mit meinem noch jungen Vollbart in die Kaserne Bern zu einem Wiederholungskurs einrücken musste, wurde ich vom Feldweibel gefragt, ob ich etwa aus Selzach stamme, dem Ort der Passionsspiele.»

1931-32 in Paris bei Maillol, Giacometti, Despiau

Marcel Perincioli schreibt in den «Aufzeichnungen» 1986 über diese Zeit:
«Nach Absolvierung der Rekrutenschule wollte ich nun meine künstlerische Ausbildung vorantreiben und entschied mich für einen Aufenthalt in Paris mit dessen damals noch grosser künstlerischer Ausstrahlung. Da es wegen der Krise nicht möglich war, dort eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten, und die Bildhauer selber keine Arbeit hatten, mietete ich mir ein geräumiges, jedoch primitives Atelier. Zu diesem Schritt hatte mich kein Geringerer als der grosse Bildhauer Maillol ermuntert.


Marcel Perincioli als 20 jähriger im Pariser Atelier

Durch Zufall war ich bei Maillol eingeführt worden, und schon der Besuch bei diesem grossen Meister war für mich ein Erlebnis gewesen. Er wohnte damals in Marly-le-Roi, und als ich am angegebenen Ort zwei Strassenwischer nach dem Haus des berühmten Mannes fragte, bekam ich als Antwort, es gebe hier keinen Sculpteur, und erst auf mein Beharren erklärten sie mir, dass zu hinterst in der Strasse ein «Platrier» hause. Schon im Garten standen einzelne, grosse Gipsplastiken herum, notdürftig mit Karton gegen den Regen geschützt. Auch in der Vorhalle, welche zum eigentlichen Atelier führte, standen in einer wackligen Bretterbude beidseitig seine mir bekannten und sehr bewunderten Plastiken in Gips.

Maillol selber, von grosser Gestalt und mit mächtigem Bart, hiess mich mürrisch eintreten. „Encore un de ces sacres Suisses» war sein erstes Wort, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Mit primitiven Werkzeugen war er gerade mit dem Fertig-Aushauen einer kleinen Steinplastik beschäftigt. Mit einigem Interesse las er meine Zeugnisse und machte mir den Vorschlag, sein kleines Modell des Gefallenendenkmals für Banyuls in Gips zu vergrössern und dieses dann mit ihm an Ort und Stelle in Stein zu hauen. Diese Arbeit wäre die Chance meines Lebens geworden. Die dazu nötigen technischen Fähigkeiten waren schon vorhanden gewesen, aber leider liess mich Maillol dann im Stich, und aus diesem vielversprechenden Auftrag wurde nichts.

Mein Aufenthalt in diesem lebendigen Paris mit seinen herrlichen Museen und seiner ganz besonderen Atmosphäre gefiel mir sehr. Oft schloss ich mich Sonntag abends einer Gruppe von Leuten an, welche mit einem Vorsänger und einigen Musikinstrumenten auf einem der kleinen Plätze alte und neue Chansons sangen – «Aux temps des cerises…». Mein Atelier befand sich direkt neben dem Militärspital des Val de Grace an der Rue Saint-Jacques, und ab und zu ertönte von dort her eine rassig gespielte «Marseillaise», um einem verdienten Kriegsveteranen die letzte militärische Ehre zu erweisen.

Einmal besuchte ich den für seine wunderschönen Tierplastiken bekannten Bildhauer Pompon. Es war für mich ein Erlebnis besonderer Art, mich bei diesem liebenswürdigen Menschen in seinem Atelier ein wenig umsehen zu dürfen.

Auch Alberto Giacometti besuchte ich in seinem kleinen, mit Plastiken überstellten ärmlichen Atelier. Meine Eltern waren mit seinem Vater befreundet gewesen, und Alberto erinnerte sich noch unseres Namens. Noch heute besitze ich von seinem Vater G. Giacometti ein eindrucksvolles Bild, das mein Vater von diesem im Tausch gegen eine Skulptur erhalten hatte.
Alberto Giacometti ging es damals (1931) schlecht, und er vertraute mir an, dass er halbtags für ein Unternehmen Leuchter herstellen müsse. Ich war von seinen Arbeiten – ganz besonders von seinen abstrakten Gebilden – sehr beeindruckt. Wer hätte damals seinen späteren Weltruf vorausgeahnt?



Im Hof der Académie Collarossi, Paris 1932

Auch den für seine grossartigen Porträts berühmten Bildhauer Charles Despiau besuchte ich. Ein ausserordentlich liebenswürdiger Mensch! Bei einem späteren Aufenthalt in Paris hatte ich Gelegenheit, durch ihn in seine Kunst des Porträtierens eingeführt zu werden. Typisch für ihn war dabei, seinen Schülern ein für unsere damalige Einstellung ganz unscheinbares Modell vorzusetzen, welches gar nicht unserer Vorstellung entsprach. Auf unsere Reklamation hin sagte er nur: «C’est à prendre ou à laisser.» So hatten wir keinen Charakterkopf vor uns und mussten uns mit den gebotenen Feinheiten der Form und des Ausdrucks auseinandersetzen, was natürlich viel schwieriger war. Von ihm stammt auch das für ihn typische Bonmot: «Il n’est pas difficile d’étonner, mais bien plus difficile d’émouvoir.»


Abendschule Paris 1932

Da sich in dieser Zeit in Paris keine Arbeitsmöglichkeit finden liess, belegte ich Aktkurse bei den Bildhauern Gimond und Wlerick, in den freien Akademien der «Grande Chaumière» und «Collarossi» bis mir im Frühjahr 1932 das Geld ausging.»

1932-33 Berlin

Marcel Perincioli  berichtet in den «Aufzeichnungen» 1986:
«Nach verschiedenen für hiesige Bildhauer in Stein ausgeführten Arbeiten und versehen mit dem erstmals ausgeschriebenen De-Harries-Stipendium fuhr ich im Herbst 1932 nach München. Die dortige Akademie machte jedoch zu dieser Zeit auf mich einen tristen Eindruck, und auch die zu Tausenden in den städtischen Anlagen herumsitzenden Arbeitslosen bedrückten mich sehr. Es war gerade nach dem Brand des Glaspalastes, bei welchem eine grosse Anzahl Bilder von Cuno Amiet zerstört wurde.

Über Augsburg, Nürnberg und Dresden – alles damals noch wunderschöne Städte – erreichte ich das sehr lebendig wirkende Berlin. Diese Stadt und die berühmte Berliner «Schnauze» gefielen mir sofort. Ein Besuch der Akademie als ordentlicher Schüler wurde mir jedoch verwehrt, da ich nur Geld für maximal ein halbes Jahr zur Verfügung hatte. Nirgendwo anders empfand ich den Geldmangel so grausam. Aus diesen Gründen belegte ich nun Kurse in der staatlichen Kunst- und Gewerbeschule in Charlottenburg, wo ich meine finanziellen Möglichkeiten nicht im voraus preisgab.


Professor Otto und seine Klasse, in der Mitte Marcel Perincioli

Bei Professor Otto konnte ich die Kurse für Aktmodellieren und Porträt besuchen und auch verschiedene Seminare in der Akademie belegen. Da ich die kurze zur Verfügung stehende Zeit gut nutzen wollte und auch meine Mitschüler zur Arbeit antrieb, erhielt ich bald den Übernamen «Mussolini». Nirgends sonst erhielt ich so viel Zeichen der Freundschaft wie damals in Berlin, die sogar den Krieg überdauerten. Leider war das Arbeitsklima in der Schule wegen des aufkommenden Nazitums nicht gut und der Kunst nicht förderlich. Die gegensätzlichen politischen Ansichten der Studenten wurden immer krasser, und wenn die Nazi-Anhänger wegen eines späteren Treffens in Uniform zum Unterricht erschienen, waren sie ungeniessbar.

Ich erlebte dann auch noch die Machtübernahme durch die Nazis! Als ich mich an jenem Abend nach Arbeitsschluss nach Hause begab, marschierte stramm vor mir der berüchtigte Nazi-Sturm 33 Richtung Stadtzentrum. Die Atmosphäre war sehr angespannt, ganz besonders an der quergelegenen Wallstrasse, wo die Nazis von der dort stehenden Menschenmenge beschimpft wurden. Die Machtübernahme selber interessierte mich nicht, und ich blieb zu Hause.

Zwei Tage später sassen wir im Akademie-Restaurant am Steinplatz, als plötzlich Militärmusik erklang. Draussen bot sich uns ein eindrückliches Bild, denn alle Berliner Nazis marschierten in Sechserkolonnen in Richtung Charlottenburg. Es handelte sich um einen Gedenkmarsch für den Vorfall an der Wallstrasse, bei welchem es in einer nächtlichen Schiesserei zwei Tote – darunter auch den Sturmführer – gegeben hatte. Der lange Zug war von Hunderten von Schupos, bewaffnet mit Karabinern, und vielen Bereitschaftsautos mit Scheinwerfer begleitet, welche die lichtlosen Häuserfronten ableuchteten.

Die Nazis führten neben ihren Fahnen und Standarten auch die sogenannten Blutfahnen vom früheren Münchner Aufstand mit sich. Sehr viel Volk war anwesend, und jedes Mal wenn eine Hakenkreuzfahne vorüberzog, schrie alles «Heil» und «Hitler» und hob den Arm zum «deutschen» Gruss. Da ich den Gruss verweigerte, wurde ich «Judenschwein» tituliert.

Durch die Machtübernahme veränderte sich die mir lieb gewordene Atmosphäre Berlins sehr, und ganz besonders bedrückte mich das spurlose Verschwinden unseres demokratisch denkenden Professors der Bildhauerei. Aus Protest hissten Studenten auf unserem Schulgebäude die rote Fahne, und einzelne bewaffneten sich sogar. Es wurde mir dabei richtig ungemütlich.

Im grossen Sportpalast hatte ich mir den Agitator Goebbels angehört, diesen wirklich genialen und teuflischen Redner. Um in den Saal zu gelangen, musste man durch eine Reihe aufmerksam dreinblickender Nazischläger Spiessruten laufen, was nicht gerade angenehm war. In dem bis auf den letzten Platz belegten grossen Sportpalast wurde zwecks Stimmungsmache ununterbrochen Militärmusik gespielt. Dazu standen auf dem Podium unbeweglich SS-Formationen in absolut erstarrter Stellung – ein für Schweizer unmögliches Bild untertänigster Haltung.

Plötzlich begann der Einmarsch der Standarten und des Fahnenwaldes – ein an sich durch seine straffe Durchführung beeindruckendes Schauspiel. Alles im Saal erhob sich und sang das Deutschlandlied. Als Goebbels das Wort ergriff, brandete ihm bei gewissen Höhepunkten seiner Rede ungeheurer Beifall entgegen, welchem sich scheinbar auch der letzte Zauderer nicht verschliessen konnte.

Nach allen diesen Vorkommnissen glaubte ich, es sei für mich das Beste, die Stadt möglichst schnell zu verlassen. Ich hatte keine Lust, an den nun einsetzenden, auch für mich verbindlichen Ertüchtigungskursen teilzunehmen. Nach einem Abschiedsessen mit zwei Kollegen begleiteten mich diese mit der Stadtbahn zum Anhalter Bahnhof. Plötzlich loderte ein mächtiger Feuerschein über dem dunklen Berlin. Überall auf den Strassen hörte man die Feuerwehren in diese Richtung rasen. Von der hoch fahrenden Stadtbahn aus konnten wir den Ort des Feuers nicht ausmachen, und erst in Frankfurt erfuhr ich vom Brand des Reichstagsgebäudes.

In die Schweiz zurückgekehrt staunte ich, wie Hitler hier viele Sympathisanten, ja auch Kredit hatte. Bei meinem Aufenthalt in Deutschland hatte ich sehen können, was da vor sich ging, und was schliesslich zu erwarten war, wenn beispielsweise ein vorüber ziehender Nazi-Sturm «Siegreich wollen wir Frankreich schlagen» als Marschlied sang. Eigentlich hatte bei all diesem Treiben der Nazis auch der Naivste merken können, was diese trotz allen Friedensbeteuerungen wirklich im Sinn hatten.»

Kunsthalle und Kunstpreis der Stadt Bern

Kunsthalle Bern

In den «Aufzeichnungen» erinnert sich Marcel Perincioli 1986:
«Bevor es die Kunsthalle gab, war es für die Berner Künstler außordentlich schwer gewesen, genügend Ausstellungsräume zu erhalten. Aus diesem Grunde veranstalteten die Künstler schon 1912 das grosse, fünf Tage und Nächte dauemde Fest «Pompeji» in der Städtischen Reitschule. Diese grossartige Veranstaltung brachte den stolzen Beitrag von 50.000 Franken ein, welcher den Grundstock für den Bau der Kunsthalle bildete. 1917 konnte endlich nach Überwindung vieler Schwierigkeiten, mit diesem Bau begonnen werden. In der Kriegszeit ein solches Wagnis einzugehen, war für die damals noch kleine Sektion eine grosse Tat und konnte nur mit Hilfe kunstinteressierter Freunde gelingen.


Rose Perincioli beim Kunsthallefest 1922

Weitere Künstlerfeste zur Geldbeschaffung folgten, und ich sehe noch meine damals junge Mutter, wie sie als prächtig gekleidete Zigeuner-Wahrsagerin dabei mithalf. Auch ein «Fest der Räuber» wurde durchgeführt, bei dem schrecklich kostümierten Künstler auf ihren pferdegezogenen Wagen, wild um sich schiessend durch die Gassen ratternd und so die Leute zum Besuch ihrer Veranstaltung animierten. Später wurde ein solches Fest im Kornhauskeller durchgeführt, bei welchem die Besucher mittels einer Rutsche in den Saal gelangten.


Kunstpreis der Stadt Bern

Nach Kriegsschluss erhielt ich von der Gewerbeschule die Aufforderung, sämtliche Modellierkurse zu übernehmen und somit eine vollamtliche, sichere Stelle anzutreten. Typisch für meine Frau war, dass sie lieber das Risiko einging, mit einem freischaffenden Bildhauer verheiratet zu sein als mit einem fixbesoldeten Gewerbeschullehrer.

Die Unsicherheit in meinem Beruf war natürlich sehr gross, aber der Einsatz um so intensiver, und er entsprach mehr unserer Lebensauffassung. Merkwürdigerweise ging es nach diesem Entschluss mit Aufträgen aufwärts. 1947 schrieb der Gemeinderat der Stadt Bern einen Kunstpreis zur Förderung der Maler und Bildhauer aus. Es wurde dabei jedes Jahr ein neues Thema gestellt, um die Künstler anzuregen, sich mit dieser Aufgabe auseinanderzusetzen. Zum Beispiel für die Bildhauer eine Komposition, das Tier, das Porträt oder der Sport, um nur einige zu nennen. Mir gefielen die gestellten Aufgaben, und ich beschäftigte mich eifrig mit diesen. Die Verleihung der Kunstpreise fand jeweils an den Weihnachtsausstellungen statt; deren Einsendungen bestimmten zum Teil ihr Bild.

Später wurde der Kunstpreis der Stadt Bern auf Wunsch der Bernischen Künstlerschaft aufgehoben, offenbar bedeuteten die gestellten Themen eine Einschränkung.»

Ehe mit Hélène Jörns

Marcel Perincioli  in den «Aufzeichnungen» 1986:
«Im Herbst 1934 erhielt ich vom damaligen Präsidenten der Gewerbeschule Bern den Auftrag, einen Modellierkurs für ausgelernte Lehrlinge zu leiten. Offenbar verschaffte mir der Bart, den ich damals trug, den nötigen Respekt, war doch die Mehrzahl der Schüler älter als ihr 23-jähriger Lehrer.
Unter den für diesen Modellierkurs Interessierten befand sich auch eine hübsche Handweberin, welche durch ihr einnehmendes Wesen auf mich sofort grossen Eindruck machte. Offenbar war die Sympathie nicht nur auf meiner Seite, denn schon zwei Jahre später, 1936, heirateten wir und konnten uns nun in unseren künstlerischen Bestrebungen gegenseitig unterstützen und fördern.

Foto-Reportage von Hans Steiner Besuch bei einem bernischen Künstlerpaar
in „Sie und Er“ vom 9.11.1941


Hélène und Marcel, Rörswil 1940    Foto: Hans Steiner

Allerdings war unsere Verbindung vorerst nicht zur Freude meiner zukünftigen Schwiegereltern zustande gekommcn. Sie wünschten sich als Schwiegersohn keinen Künstler mit unsicherer Zukunft, was ich sehr begreifen konnte, sondern einen Innenarchitekten oder Kaufmann. Mit meinem damaligen Bart fanden sie mich für ihre Tochter zu alt, und dann ohne diesen zu jung und zu unerfahren. Letzteres stimmte. Mit der Zeit akzeptierten sie mich auch so, und wir hatten stets ein gutes und ungetrübtes Verhältnis. Das ging so weit, dass meine Schwiegereltern der Kirchgemeinde für die zweite von mir zu schaffende Bronzetüre an der Nydeggkirche einen namhaften Beitrag spendeten.

Für Hélène bedeutete die Heirat eine Änderung in ihrem Lebensstil, musste sie doch von einem rassigen Mercedes auf ein gebrauchtes Velo umsteigcn, und zudem war unsere erste Wohnung in der Sulgeneck äusserst einfach.
Trotzdem waren wir dort glücklich und konnten uns in den beiden Ateliers in unseren Berufen betätigen.»



Rörswil 1940    Foto: Hans Steiner

Cristina Perincioli ergänzt: Im Sulgeneck bekamen sie ihre erste Tocher, Doris. 1939 zog die Familie nach Rörswil, wo 1941 Lorenz geboren wurde und später Cristina. Wir lebten in einem wunderschönen Haus aus dem 18. Jahrhundert, einem Nebengebäude des Landsitzes Rörswil. Dessen Besitzer Hektor Hess hatte für Marcel im Garten ein geräumiges Atelier gebaut. Hélène’s Webstuhl stand im Dach des Wohnhauses.


Hélène Perincioli mit Doris am Webstuhl    Foto: Hans Tschirren

An diesem Webstuhl arbeitete sie viele Jahre, webte selbst entworfene Stoffe, hauptsächlich für die Kunden der Möbelfabrik ihrer Eltern. Denn auch Möbel wurde damals nach Kundenwunsch hergestellt. Möbelbezüge, Vorhänge, Tischdecken, bis hin zu den Servietten – alles entwarf sie auf einander abgestimmt und stellte diese als Unikate her. Während Marcel in diesen Jahren noch schwer um Kundschaft und Bekanntheit rang, trug Hélène das Meiste zum Einkommen bei.


Riedli bei Flugbrunnen, Gemeinde Bolligen 1955 – 1980     Foto: Hans Steiner
Rechts oben Atelier, links unten Weberei. Schwimmbassin mit Treibhaus, Pfirsiche und Artischocken im Schutz der Stützmauer, darunter Obst- und Gemüsegarten. Rechts aussen: Stall für Schafe und Hühner.

Als ihr Vater – der Möbelfabrikant Herrmann Jörns – 1954 starb, bald gefolgt von seiner Frau, erbte Hélène ein Vermögen. Damit konnten Land gekauft und ein grosszügiges Haus gebaut werden: Hier fanden nun regelmässig grosse Einladungen statt, mit denen auch Geschäftsbeziehungen geknüpft und gepflegt wurden – nun in einem gehobenen Ambiente.


Allein die Aussicht zu den Alpen, über die Stadt Bern und weiter bis zum Jura war spektakulär    Foto: Hans Steiner

Der Umschwung des Hauses war gross, sehr gross, mit Schafen und Hühnern, Hund und Katze, Treibhaus und Schwimmbecken, ausgedehntem Obst- und Gemüsegarten. Wir waren Selbstversorger. Als nach und nach die drei mitarbeitenden Kinder ausgeflogen, wurden Maschinen angeschafft. Nach einem Unfall im schneereichen Winter erfolgte 1980 der Umzug in ein neues Haus in der Villette in Muri, nur 300 Meter entfernt vom Haus von Marcels Eltern. Dort schuf Marcel in den kommenden 14 Jahren, bis zu seinem Ableben, zahlreiche Kleinplastiken.

Germaine Richier

Marcel Perincioli  in den «Aufzeichnungen» 1986:
«1941 erhielt ich in einem offenen Wettbewerb mit meinem Relief-Entwurf «Florian und sein Engel» an der neuen Feuerwehrkaserne in Bern einstimmig den 1. Preis. Dies freute mich natürlich sehr, und mit grossem Einsatz ging ich an die Arbeit.
Leider stellte man später ein grosses Gebäude vor die Kaserne, welches die ursprüngliche Wirkung der Plastik sehr beeinträchtigte. Mit dem Erlös dieses grossen Auftrages zogen Hélène und ich zum Weiterstudium nach Zürich. Durch das Kriegsgeschehen bedingt, war das Bildhauer-Ehepaar Banninger 1940 von Paris nach Zürich gekommen, und die Gattin, Germaine Richier, eine schon damals berühmte Bildhauerin, war bereit, mich in ihr Atelier aufzunehmen. Beide waren Schüler von Bourdelle gewesen.

Zur selben Zeit arbeitete Hélène im Atelier von Cornelia Forster. Doch leider erkrankten die Kinder im Kinderheim nach wenigen Wochen, und das Studium bei Frau Forster musste Hélène aufgegeben.


Germaine Richier mit Hélène Perincioli    Foto: Marcel Perincioli

Germaine Richier vermittelte uns Schülern das Arbeiten mit dem Zirkel und dem Senkblei, wie es schon Rodin praktiziert hatte, eine Arbeitsweise, welche in der Schweiz unbekannt war und grosse Möglichkeiten bietet. Sie war eine grossartige Künstlerin und zugleich eine hervorragende, temperamentvolle Pädagogin, welche uns ohne Hemmungen die Wahrheit über unsere Arbeit sagte. Zum Beispiel versuchte sie eine Schülerin aus bester Zürcher GeselIschaft, welche nach der strengen Kritik weinte, mit den Worten zu trösten: «Pleure seulement, tu pisseras moins».


Germaine Richier    Foto: Marcel Perincioli

Germaine Richier verlangte von uns vollen Einsatz bei der Arbeit und duldete keine Halbheiten. Trotzdem herrschte im Atelier auch nach einer herben Kritik an unseren Arbeiten eine entspannte und fröhliche Atmosphäre. Als glühende Patriotin hängte sie während der Kriegszeit französische Embleme im Atelier auf und sang zur Arbeit oft alte, nostalgische Lieder aus der Provence.

Wenn es im Sommer im Atelier zu heiss wurde, stieg sie mit den Espadrilles in einen Kübel mit Wasser und arbeitete einen einfach weiter. Sie schuf herrliche plastische Werke und hatte nach Kriegsschluss – als sie wieder in Paris arbeitete – grosse internationale Erfolge.

Leider starb Germaine Richier schon mit 55 Jahren, was für die damalige zeitgenössische Kunst einen grossen Verlust bedeutete.

Als unser Geld zur Neige ging, musste auch ich nach Hause zurückkehren und Zürich verlassen. Es war für uns alle eine sehr schwierige Zeit. Für mich selber war der Aufenthalt bei Germaine Richier ein grosser Gewinn, und mit neuem Impuls ging ich 1944 wieder an die Arbeit.»